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Aus der Sicht der Medientheorie darf Theodor W. Adorno als eine der ambivalentesten Figuren des 20. Jahrhunderts gelten. Sein öffentliches Wirken begann er in sehr jungen Jahren als Musikkritiker in Zeitungen und Zeitschriften. Als Philosoph und Soziologe diskutierte Adorno das Schicksal der Öffentlichkeit und des autonomen Individuums unter Bedingungen einer industrialisierten Medienproduktion in zahlreichen medialen Interventionen: Interviews und Vorträge, die von einer breiten Öffentlichkeit rezipiert wurden und mittlerweile legendären Status haben. Seine unter dem Titel »Erziehung der Mündigkeit« konzipierte Pädagogik beispielsweise, die sich sowohl dem »Widerspruch« als auch dem »Widerstand« widmet und in den folgenden Jahrzehnten eine immense Wirkung entfaltete, wurde zuerst in einem Radiointerview entwickelt.

Seit den 1940er Jahren war »Kulturindustrie« der Schlüsselbegriff, mit dem Adorno und Horkheimer die Art und Weise charakterisierten, wie sich die Logik der Warenproduktion und des Marktes in die Struktur eines medialisierten Kulturkonsums und in die Produktion und Bildung von Subjektivität selbst einschrieb. Um diesen Begriff herum kristallisierte sich eine der bisher schonungslosesten Interpretationen moderner Medien heraus. Gleichzeitig war Adorno, der den Begriff der Vermittlung (und damit, der Sache nach, auch die Medialität) konsequent betonte, auch einer wahrnehmbarsten Medien-Intellektuellen seiner Zeit.

So unerbittlich »negativ« seine Analysen auch waren: Adorno setzte sich praktisch-kritisch mit der Welt der Medien, des Rundfunks und des Fernsehens auseinander. Wie seine Zeitgenossen Walter Benjamin und Bertolt Brecht gehörte er in den Diskurszusammenhang jener Schriftsteller und Theoretiker der Moderne, die sich mit politisierten Lesarten und oftmals optimistischen Prognosen der Medien der Moderne, Film, Radio und Fernsehen auseinandersetzten. Adorno wusste Radio und Fernsehen für das Projekt der kritischen Theorie zu nutzen und zu theoretisieren.

Einige der einflussreichsten Schriften über Medien und Öffentlichkeit in den Jahrzehnten nach Adornos Tod waren stark von Adornos doppeltem Ansatz inspiriert – von Hans Magnus Enzensberger bis Alexander Kluge. In unseren zeitgenössischen Debatten ist der manchmal apokalyptische Ton von Adornos kritischer Theorie wieder einflussreich geworden. Angesichts der Verbreitung von »Fake News«, von Big Data, Social Media und digitalem Populismus könnte Adornos kritische Theorie demgegenüber wieder als kritische Referenz für eine philosophisch informierte, soziologisch fundierte Medienkritik dienen.

Anlässlich des 50. Todestages von Adorno konzentriert sich die Konferenz auf diese drei Themen:

  • Adornos eigene Ambivalenz über die Gefahren und Potenziale moderner Medien,
  • die Folgen seiner Theorie in medientheoretischen Ansätzen der folgenden Jahrzehnte und
  • die Relevanz von Adornos kritischer Theorie in der zeitgenössischen Kritik der digitalen Kultur.

Keynotes:
Josef Früchtl (Universiteit van Amsterdam)
Christian Fuchs (University of Westminster)
Samir Gandesha (Simon Fraser University, Vancouver)
Angela Keppler (Universität Mannheim)
Christiane Voss (Bauhaus-Universität Weimar)

Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe (HfG)
In Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe (ZKM)
und dem
Institute for the Humanities, Simon Fraser University, Vancouver

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