Bild: Boris Lurie, „NEIN“, 1990
Der Psychoanalytiker Jacques Lacan hat Freuds Begriff der Kastration weiter gefasst: nicht als fehlendes Organ, sondern als Mangel im Subjekt, als Einsicht, nicht vollständig, nicht unverwundbar zu sein. Doch wie geht mensch mit der Absage an das „Verlangen, alles zu sein“ (Georges Bataille) um? Leider nur mit Schwierigkeiten: Verdrängung, Verleugnung, Verwerfung – das sind die Formen, die der psychische Mechanismus der Verneinung annehmen kann. Der heutige politische Diskurs, ob als aktivistischer Echo-Raum, Parallelgesellschaft der Eliten oder (sub)kulturelle Filter-Bubble, zeigt ebenfalls an, was es bedeutet, „Nein“ zu einer gemeinsam anerkannten Realität zu sagen.
Nicht erst seit dem 7. Oktober 2023 erleben wir in Deutschland eine besondere Mischung aus Verdrängung, Verleugnung und Verwerfung, wenn es um das Verneinen von anerkannten Realitäten der Weltgemeinschaft geht. Der Vortrag will ausgehend von Boris Luries NO!art fragen, wie sich diesem Mechanismus, der vielleicht vor einer Anerkennung, in jedem Fall aber von einer Identifizierung mit der Verwundbarkeit des Subjekts zurückschreckt, politisch und ästhetisch begegnen lässt.
Vortrag und Diskussion mit Nadine Hartmann und Sami Khatib
Samstag, 18.07., 11-12 Uhr
Lichtbrücke, 1.OG