Standbild aus dem Videoessay "by my own authority"
Standbild aus dem Videoessay "by my own authority"
„Seit Ende September diesen Jahres habe ich die behördliche Genehmigung, Männerkleidung tragen zu dürfen, von welcher Erlaubnis ich jetzt Gebrauch mache.“ – Dieser Satz, der letzte Satz des Lebenslaufs von Hans Voelcker in seiner Bewerbung am Staatlichen Bauhaus Weimar im Jahr 1920, ist der Ausgangspunkt des Projekts „by my own authority“ (AT).
Im Zentrum der Arbeit steht ein Videoessay, der anhand der spärlichen, archivierten Dokumente aus Hans’ Leben erzählt, mit einem Fokus auf seiner Ausbildungszeit am Bauhaus und dessen Vorgängerinstitution. Er weitet die Perspektive auf Spuren queeren Lebens am Bauhaus in den weit verbreiteten Spitznamen der damaligen Studierenden und stellt die Entwicklung der rechtlichen Situation von trans Personen der letzten hundert Jahre in komprimierter Form dar. Am Ende läuft alles zusammen in der Frage nach Lesbarkeit als staatlicher Kontrolltechnik – nach dem, was sichtbar sein muss, um verwaltet werden zu können.
Der akustischen Ebene werden Bilder digitaler Skulpturen gegenübergestellt. Inspiriert von einem Kommentar seines Lehrers über eine bildhauerische Studienarbeit, die zwischen Eichhörnchen und Kaninchen chargiert, werden ambige Tiere, die sich durchdringen, überlagern und verformen, mit der virtuellen Kamera abgetastet. Begleitend zu der Videoarbeit wird ein Auszug aus dem Geburtenregister, in dem auch Hans’ Vornamensänderung vermerkt ist, ausgestellt sowie ein Objekt, das Tierstatue und Stempel in einem ist. In Anlehnung an behördliche Stempel, mit denen Dokumente von offiziellen Stellen beglaubigt werden, lädt das steinerne Objekt dazu ein, sich diesen „gewichtigen“ Vorgang anzueignen und das Statement „by my own authority“ zu hinterlassen.
Die Arbeit wird in einem zur queeren Bar umgewidmeten Bauwagen gemeinsam mit weiteren Arbeiten, die verborgene queere Geschichten und Lesarten des Bauhaus zum Vorschein bringen, gezeigt.
Das Projekt ist im Rahmen des einjährigen Seminars „Amongst Ghosts: Queerying Bauhaus“ entstanden. Vor der künstlerischen Übersetzung stand der Essay „Haunting Permitted. A Hauntological Reading of a Trans Student’s Archival Traces at the Bauhaus and the Logic of Permission Across a Century”, der im Umbau Journal der HfG veröffentlicht wird.
Die Grundlage bilden die Recherche zum rechtlichen Umgang mit trans Identitäten in Deutschland von der Weimarer Republik bis heute sowie Archivanfragen und -recherchen in digitalisierten Beständen und im Bauhaus in Dessau. Mit dem von Derrida entwickelten Konzept der Hauntologie, die den Begriff der Geister zu einem philosophischen Werkzeug macht, wird der Bedeutung der Erlaubnis im Leben von trans Personen in dieser Gesellschaft nachgegangen und Rückstände des Menschenbilds vergangener Jahrzehnte werden aufgedeckt.