Titelblatt (© Beria Altinoluk)
Die vorliegende Magisterarbeit untersucht Lars von Triers Film Melancholia als filmischen Denk- und Wahrnehmungsraum, in dem sich Subjektivität unter Bedingungen einer als „absolute Gegenwart“ beschriebenen Gegenwartsanalyse konstituiert. Der Begriff geht auf den von Marcus Quent herausgegebenen Sammelband Absolute Gegenwart (2016) zurück. Dieser beschreibt gegenwärtige Erfahrungs- und Zeitstrukturen als Spannungsfeld von Beschleunigung, Bewegungsstarre und der Erosion von Differenz, verbunden mit einem Zustand der Ohnmacht, in dem Handlung und Denken zunehmend eingeschränkt werden. Diese Analyse bildet den Ausgangspunkt einer Perspektive, die den Film nicht als Illustration theoretischer Modelle versteht, sondern ihn aus seiner eigenen Wahrnehmungslogik heraus erschließen möchte.
Im Zentrum steht die Melancholie als Wahrnehmungsmodus, der nicht als klinisch-pathologische Depression verstanden wird, sondern als Transformation eines Weltbezugs, in dem sich die Erfahrung des Anderen in eine verschobene und intensivierte Form der Zugänglichkeit ausbildet. Der Planet Melancholia fungiert dabei nicht als äußeres Symbol, sondern als Schwellenfigur eines paradoxen Außen, das zugleich Welt-Außen und inneres Außen des Subjekts ist. In dieser Struktur erscheint das Andere nicht als stabile Gegeninstanz, sondern als entziehende Bewegung, die Wahrnehmung affiziert, entsichert und verschiebt. Die melancholische Intention steht zu diesem Außen in einer paradoxen Relation der Annäherung durch Nicht-Aneignung bzw. der Aneignung im Modus des Nicht-Besitzes, in der sich ein virtuelles Gefüge des Sinnlich-Unsinnlichen eröffnet, das den Raum der Erfahrung selbst reorganisiert.
Die Arbeit verbindet psychoanalytische Perspektiven (Sigmund Freud, Jacques Lacan) und kulturphilosophische Ansätze der Melancholie (Giorgio Agamben) mit dem Denken Gilles Deleuzes, das die zentrale theoretische Perspektive der Arbeit bildet. Im Zentrum stehen seine Konzeption eines Begehrens jenseits von Subjekt und Objekt sowie seine Differenzphilosophie. Ergänzend werden zeitdiagnostische Positionen von Byung-Chul Han und Alain Badiou sowie weitere theoretische Perspektiven, unter anderem von Mark Fisher und Judith Butler, herangezogen.
Die Analyse des Films folgt einer Struktur aus Prolog und apokalyptischem Ereignis, zwischen denen sich ein Erfahrungs- und Psychologieraum zwischen einem ersten und einem zweiten Untergang eröffnet. Melancholia erscheint dabei als Versuchsanordnung, in der das Ende der Welt als prekäre Schwelle erscheint, in der Wahrnehmung, Begehren und Weltverhältnis neu konfiguriert werden. Ziel ist eine Lesart, in der Subjektivität gerade im Entwurf ihres Verschwindens ein Vermögen der Öffnung gegenüber Alterität gewinnt.