aspect-ratio 10x9 Faulty Lines

Faulty Lines (© Tobias Ehrhardt)

„The Floor is Lava“ vereint künstlerische Untersuchungen, die aus einer gemeinsamen Auseinandersetzung mit Landschaften als instabilen und umkämpften Orten hervorgegangen sind. Die im Rahmen von Seminarsitzungen, Feldforschung und gemeinsamen Exkursionen entwickelten Arbeiten betrachten die Landschaft nicht als Kulisse, sondern als lebendiges Archiv, in dem sich geologische Prozesse, politische Geschichte, technologische Infrastrukturen und ökologische Beziehungen ständig überschneiden.

Anhand von Bewegtbildern, Installationen, Performances, Robotik und Klang untersuchen die Projekte, wie Orte durch Vertreibung, Ausbeutung, Fürsorge und Vorstellungskraft entstehen. Ein militärischer Übungsplatz wird zum Stellvertreter für ferne Konflikte; Karten offenbaren ihr koloniales Erbe; Architekturen organisieren Bewegung, Überwachung und Ausgrenzung; digitale Werkzeuge legen Spuren von Affekten und unsichtbaren Infrastrukturen frei; spekulative Rituale und Formen der Verbundenheit hinterfragen, wie wir Krisen anders bewohnen könnten.

Mitwirkende:
Peter Albrecht
Ruby Balagizi
Benedikt Endres
Michelle Emmert
Tobias Ehrhardt
Pauline Friedrich
Paula Klaiber Huaynalaya
Jonathan Kramer
Dae Yong Lee
Sukyoung Lee
Daniel Unkel


Projekte

Ruby Balagizi & Sukyoung Lee

„Elsewhere“ ist eine Lesung, die sich um eine einzige gemeinsame Karte entfaltet – eine somatische Kartografie zweier Orte. Im Rhythmus der Worte zeichnen sie eine Entsprechung nach zwischen einem ehemaligen Truppenübungsplatz bei Münsingen, dessen Boden von Panzern zerfurcht ist, und dem Boden der HfG, der für die Disziplin des Krieges erbaut wurde. Keiner der beiden Orte wurde dafür geschaffen, dass sich Körper entfalten können – und doch tragen beide dessen Spuren. Zwischen Archivfragmenten, körperlichen Empfindungen und spekulativer Vorstellungskraft bewegen sie sich und erforschen, wie sich Körper schmerzfrei durch diese Orte bewegen könnten.

Dauer: 15–20 Minuten
Datum: 17. und 18. Juli, jeweils um 11 Uhr
Ort: Unter dem Lichthof, vor dem Blauen Salon


Daeyong Lee

„Trees in Formation“ ist eine Multimedia-Installation, die die räumliche Logik des ehemaligen Truppenübungsplatzes in Münsingen untersucht. Sie erforscht, wie Architektur und Infrastruktur Bewegung, Wahrnehmung und den Körper prägen, und deckt dabei auf, wie gebaute Umgebungen still und leise Ordnung und Kontrolle erzeugen.

Die Installation kombiniert ein projiziertes Geländemodell mit Video, Text und übereinanderliegenden transparenten Drucken des Geländes. Eine Rückprojektion bildet die Landschaft ab, während das Video zwischen Dokumentaraufnahmen, grafischen Animationen und persönlichen Reflexionen wechselt. Transparente Überlagerungen heben Straßen, Gebäude und sich wiederholende räumliche Muster hervor und legen so die in der militärischen Landschaft verankerten Ordnungssysteme offen.

Ausgehend von den Erfahrungen des Künstlers während seines Militärdienstes in Südkorea und der unerwarteten Vertrautheit, die er in Albgut empfand, spürt das Werk Verbindungen zwischen Landschaft, Architektur, Erinnerung und Kontrollsystemen nach.

Bewegtbild: 8 Min.


Stellvertreterlandschaft
Tobias Ehrhardt

Während ihrer Nutzung als militärischer Übungsplatz fungierte die Landschaft um Münsingen zeitweise als Ersatzgelände. Wiesen, Straßen und inselartige Waldabschnitte wurden als exemplarische Modelle behandelt. Sie verloren ihre Spezifität: nicht mehr diese Wiese, diese Straße, diese Pflanze, sondern eine Wiese, eine Straße, eine Pflanze – stellvertretend für andere Landschaften, die militärischer Besetzung, Ausbildung oder Konflikten ausgesetzt sind.

Diese Logik der Substitution steht im Spannungsverhältnis zum indexikalischen Charakter der Fotografie. Während ein Foto an den konkreten Ort und den Moment gebunden bleibt, den es festhält, verweist der Truppenübungsplatz auf etwas anderes. Er wird sowohl zu einer konkreten Landschaft als auch zu einem Platzhalter für andere mögliche Terrains.

Videoinstallation, Videoloop ca. 5 Min. und auf Plakatpapier gedruckte Bildfragmente


Plumbing the Sublime – Evidence of Supposed Flows
Michelle Emmert

Immer noch auf der Suche nach Strömungen, die nun nach Norden fließen, setzt „Plumbing the Sublime“ seine Suche von dem vulkanischen Boden, auf dem es begann, bis in den Schwäbischen Jura fort. In der Nähe von Münsingen ist ein ehemaliger Militärübungsplatz zu einem Biosphärenreservat geworden: eine Idylle, in deren Fugen Spuren zurückblieben. Straßen, die zu breit zum Gehen sind, gegossen für Panzer. Eine Landschaft, die für den Durchgang trainiert wurde.

Unter der Oberfläche trägt der Boden seine eigenen Wege. Posidonienschiefer, der dunkle Jura-Schiefer der Region, wurde für Öl erhitzt, zu Zement verbrannt, abgebaut, ausgestellt und als fossiles Versprechen wieder verkauft. Was als Natur, Kulturerbe, Wellness oder Urzeit angeboten wird, bleibt mit der Rohstoffgewinnung verflochten.

Die Installation besteht aus Film, Text, Ton und einem Fluss. Sie fragt, was als Fluss gilt, wenn der Blick zugleich ein Weg ist und wenn das Erhabene längst zur Versorgung herangezogen wurde.

Medium: Glas, Schiefer, bewegtes Bild


The Burning Field
Paula Klaiber Huaynalaya & Michelle Emmert

Was wäre, wenn ein Dorf verschwinden müsste, um an die Stelle eines anderen Ortes zu treten?

The Burning Field ist eine Audioinstallation für zwei Zuhörer, die sich um einen einzigen Ort entfaltet, der zwischen zwei Zeiten gespalten ist. Einander gegenüber sitzend teilen die Zuhörer eine gemeinsame Grundlage: Gruorn, ein Dorf auf der Schwäbischen Alb, das 1937 geräumt wurde, um den Truppenübungsplatz in Münsingen zu erweitern. Später wurde diese Landschaft auch zum Stellvertreter für andere Gebiete, auf denen Einsätze im Ausland geprobt wurden. Heute ist sie Teil eines Biosphärenreservats, durch das Wanderer ziehen und auf dem Schafe weiden. Nur die Kirche ist geblieben.

In den beiden Aufnahmen bewegt sich ein wandernder Wanderer durch beide Zeiten, ohne ganz zu einer von beiden zu gehören. Wo er vorbeizieht, stockt der Klang und erzeugt einen Moment der Undurchsichtigkeit, in dem sich die Zuhörer kurz begegnen. Das Stück wird zu einem Raum, in dem man sich durch Störungen und Risse navigiert, wo eine Zeit in die andere übergeht.

Die Installation besteht aus zwei Sitzbereichen aus Kies. Neben jedem Sitz laden Kopfhörer die Besucher zu einem vielschichtigen Hörerlebnis ein.

Medium: Kopfhörer, Sitzgelegenheiten


Karlsruhe – Places to Be
Jonathan Kramer

Eine Reihe von Karten beleuchtet Karlsruhe aus verschiedenen Blickwinkeln zugleich. Die Stadt wird anhand ihrer Parks und Wege, ihrer Schwellen und Grenzen gelesen – und parallel dazu anhand von etwas weniger Messbarem: den Orten, zu denen sich die Bewohner hingezogen fühlen, die sie meiden oder die sie still für sich beanspruchen. Ein Ort kann eine Bushaltestelle sein und zugleich eine Erinnerung; eine Straße kann sowohl Infrastruktur als auch Gefühl sein.
Karlsruhe ist eine Planstadt, deren Straßen sich wie in einem Diagramm bewusst von einem einzigen Punkt aus fächerförmig ausbreiten. Doch kein Plan berücksichtigt, wie ein Ort tatsächlich bewohnt wird – wo sich Geborgenheit einstellt, wo Unbehagen verweilt, welche Ecke für jemanden zu einem privaten Orientierungspunkt wird. Auf den Karten stehen die geplante Stadt und die gelebte Stadt im selben Bildausschnitt, ohne dass die eine die andere vollständig erklären könnte.

Medium: gedruckte Karten


MP3, 12.07.
Pauline Friedrich

Eine Kiste voller Fundsachen hat ihren Weg vom Fundbüro in die Haupthalle der HfG gefunden. Zwischen den verstreuten Gegenständen liegt ein MP3-Player mit einer Aufnahme, die sich direkt an den Besucher richtet, der die Kopfhörer in die Hand nimmt. Die Aufnahme, die man sich beim Gehen anhören soll, zielt darauf ab, die Aufmerksamkeit auf die feine Grenze zwischen der Realität eines Raums, seiner Entstehung und seiner Wahrnehmung zu lenken. Die Wahrnehmung eines Raumes kann stark mit den persönlichen Überzeugungen und/oder Erwartungen eines Menschen verbunden sein, die der Rundgang erweitern möchte, indem er die Faktizität des Raumes selbst hinterfragt. Ausgestattet lediglich mit Kopfhörern und dem Player wird der Zuhörer dazu angeleitet, zur Hauptfigur des Erlebnisses zu werden – zum Darsteller und zum Zuschauer seiner Umgebung und vor allem: seiner selbst darin.

Medium: Audioinstallation


You are being surveilled
Peter Albrecht

In einer Serie analoger Fotodrucke dokumentiert und kartiert „You Are Being Surveilled“ verschiedene Formen der Überwachung: Kameras, alltägliche Ortungsgeräte und abstraktere Beobachtungssysteme. Anstatt diese Informationen als klar lesbaren Text oder Metadaten darzustellen, bettet das Werk sie direkt in das Bild ein.

Während des analogen Druckvorgangs werden ausgewählte Bereiche abgedeckt, sodass einfache Formen auf dem Foto erscheinen. Diese Kreise und Rechtecke sind nach einem typografischen System angeordnet und lassen sich nach einer kurzen Erklärung als verschlüsselter Text entziffern.

Das Projekt inszeniert eine Spannung zwischen analogen und digitalen Technologien. Es thematisiert die zeitgenössische Massenüberwachung, ohne deren eigene Werkzeuge zu übernehmen, und legt nahe, dass ältere Methoden Wege bieten können, Systeme der digitalen Kontrolle zu beobachten, aufzuzeichnen und ihnen Widerstand zu leisten.