Porträt Enrique Rivera Gallardo
In der gemeinsamen Vortragsreihe „thinking inside out“ von ZKM und HfG laden wir internationale Gäste aus den Bereichen Philosophie, Literatur und Kunst zu einem offenen Austausch mit Hochschulangehörigen, ZKM-Mitarbeitern und der Karlsruher Öffentlichkeit ein. Der Talk findet in englischer Sprache statt.
Am 1.10.26 wird Enrique Rivera Gallardo zu Gast sein und über "Enchanted Objects" sprechen.
Infos
Ein Einblick in die Entstehungsgeschichte der chilenischen Wissenschaftskultur: In den frühen 1930er Jahren stellten sich chilenische Befürworter des funktionalen Syndikalismus einen Staat vor, in dem Gewerkschaften und Berufsverbände die politischen Parteien als Grundlage der Repräsentation ablösen würden, wobei sie die dezentrale Funktionsweise von Neuronen als Vorbild für die Organisation der Gesellschaft heranzogen. 1960 stellten die Wissenschaftler Carlos Martinoya und Nahum Joel in Santiago das „Chromatic Abstractoscope“ aus, eine Erfahrung, über die sie 1968 in der Kunst- und Wissenschaftszeitschrift „Leonardo“ berichteten, und 1972, ein Jahr nach der Verstaatlichung des Kupferbergbaus, bauten Stafford Beer und ein von Gui Bonsiepe geleitetes Designteam die Leitstelle des Projekts Cybersyn auf, mit der die Regierung von Salvador Allende beabsichtigte, die industrielle Produktion des Landes nahezu in Echtzeit zu verfolgen – drei Kapitel, in denen die wissenschaftliche Vorstellungskraft im politischen und kulturellen Leben eines Landes von tektonischen Umbrüchen Fuß fasste.
Dieser Vortrag betrachtet diese Geräte als verzauberte Objekte und legt nahe, dass sie in ihrer Gesamtheit zeigen, wie die Wissenschaft in Chile als Gerüst der Nation gedient hat und deren Institutionen, Wirtschaft und Selbstbilder geprägt hat – eine Struktur, deren öffentliches Verständnis und deren Integration in das kulturelle Leben nun dringend erforderlich sind, da die Bodenschätze des Landes die globale Dateninfrastruktur versorgen. Raúl Ruiz reiht sich in diese Tradition ein – zum einen durch „Poetics of Cinema“ (1995), in dem er ein schamanisches Kino beschrieb, in dem Objekte und Bilder ein Eigenleben entwickeln, und zum anderen durch Filme, die heute als symbolische Entschlüsselung der hypnotischen Ökonomie der Aufmerksamkeit gelesen werden können, wie sie später durch soziale Netzwerke und künstliche Intelligenz aufgebaut wurde.
In der Gegenwart versorgen Lithium, Kupfer und die Seltenen Erden, die staatlich finanzierte chilenische Forschung aus Bergbauabfällen zurückgewinnen will, die Batterien und Server der Datenwissenschaft, während chilenische Künstler und Architekten diese Materialien durch Medienkunstinstallationen und skulpturale Volumina aus Kohle, Harz, Marmor und Lithium, die den Mineralien- und Wasserverbrauch von Rechenzentren sowie deren Auswirkungen auf benachbarte Gemeinden hinterfragen – eine Situation, die nun die Ethik der Medienkunstproduktion und ihre eigene Abhängigkeit von diesen Ressourcen in den Mittelpunkt der Debatte rückt.
Über Enrique Rivera Gallardo
Enrique Rivera Gallardo is a researcher and filmmaker who studied at the Escuela de Cine de Chile, the Universidad de Chile, and the Universidad Mayor; his research and artistic practice focus on expanded cinema. In the early 2000s, he directed Galería Persona; between 2005 and 2007, he held a residency at ZKM in Karlsruhe; and from 2012 to 2022, he served as director of the Chilean Media Arts Biennial (Bienal de Artes Mediales de Chile). He is currently executive director of the Centro Interactivo de los Conocimientos (MIM) in Santiago, where he has strengthened the relationship between art, science, and the environment through initiatives such as the institution’s media library and documentation center, the Adriana Hoffmann Forest—named after the Chilean botanist and environmentalist—the Museum of Audiovisual Arts, and the Interactive Museum of Astronomy.