Michelle Mantel
Im Gespräch mit Michelle Mantel.
Hej Michelle! Du bist HfG Alumna – stell dich doch gerne kurz mal vor: Wer bist du und wo findet man dich aktuell?
Ich bin Michelle Mantel, selbstständige Foto- und Videografin, derzeit lebe und arbeite ich in Berlin.
Was hast du an der HfG studiert?
Im Hauptfach habe ich Kommunikationsdesign studiert, war aber auch immer gerne in Medienkunst- und Produktdesignseminaren.
Und was machst du inzwischen beruflich?
Ich arbeite im Bereich Produktfotografie, insbesondere an Kampagnen für Designmöbel. Parallel dazu begleite ich Forschungsprojekte visuell, zum Beispiel für die Charité oder die Humboldt-Universität zu Berlin. Außerdem fahre ich für Magazine oft an besondere Orte oder zu interessanten Menschen um dort Bildstrecken zu fotografieren. Alles sehr gemischt also :)
Was hat dich zu Beginn deiner Studienzeit bewegt, ein künstlerisches Studium anzutreten? Und würdest du es wieder tun, also ein Designstudium antreten? / Warum?
Direkt nach der Schule war ich mir zuerst nicht sicher, ob ich lieber Chemie oder etwas Kreatives studieren sollte. Darum habe ich nicht direkt nach dem Abitur angefangen zu studieren, sondern zuerst ein Praktikum bei dem Fotografen Rafael Kroetz gemacht. Danach war mir klar, dass ich in die kreative Richtung gehen möchte. Bis heute bin ich froh über die Entscheidung!
Weißt du noch, warum du ausgerechnet an die HfG Karlsruhe wolltest bzw. warum du dich (unter anderem) hier beworben hast?
Die HfG kannte ich schon von meiner älteren Schwester, die dort Kommunikationsdesign studiert hat. Ich habe mir daraufhin verschiedene Universitäten angeschaut, aber keine hat mir so gut gefallen wie die HfG: Dass man Seminare aus anderen Studiengängen belegen konnte, ältere und jüngere Semester zusammenarbeiten und man als Student*in über die Professor:innen-Hearings ein Mitspracherecht hat, wer an die Hochschule zum Lehren kommt.
Zuerst wollte ich natürlich nicht an der selben Hochschule wie meine Schwester studieren, aber das hat sich später als sehr schön herausgestellt ;) Wir arbeiten bis heute viel zusammen.
Wenn du jemandem, der wirklich komplett fachfremd ist, erklären müsstest, was du beruflich machst: Wie würdest du deine Arbeit beschreiben?
Was Fotograf:innen machen, wissen ja die meisten. Bei mir ist vielleicht besonders, dass ich Kund*innen von Anfang bis Ende dabei begleite, Dinge in Szene zu setzen: vom Konzept über Styling und Casting, natürlich dem fotografieren, aber auch Locationscouting, der Bildauswahl und der Bearbeitung danach. Heutzutage bekommen viele Fotograf:innen schon fertige Konzepte, die sie dann umsetzen – ich mache diesen Schritt meistens selbst – und das gerne. Bei Porträts versuche ich Momente festzuhalten, die auch ohne die Präsenz einer Kamera hätten entstehen können. Jeder Mensch reagiert auf die Kamera, meist unbewusst. Ich versuche Situationen zu schaffen, in denen sich die Menschen wieder unverstellt bewegen.
Ganz platt gefragt: Was macht dir an deiner Arbeit am meisten Spaß?. Das hört sich vielleicht kitschig an, aber für mich fühlt sich das fotografieren an wie tanzen. Wenn ich fotografiere bin ich ganz im Moment und vergesse alles um mich herum, gleichzeitig nehme ich aber auch alles ganz deutlich wahr. Ich mag dieses Gefühl sehr.
Gibt es auch etwas, das du besonders herausfordernd findest – und worauf du gut verzichten könntest? Konkreter: Ist Selbständigkeit denn eher Fluch oder Segen – bzw. was sind deines Erachtens Herausforderungen dieser Art Beruf, die ein klassischer 9–5 Job nicht mit sich bringt?
Natürlich ist vieles an der selbstständigen Arbeit fordernd. Man muss sich gut strukturieren und motivieren können und mit einer gewissen Unsicherheit klarkommen. Dafür bietet es aber auch enorme Freiheiten. Einen Tipp an alle Frauen und FLINTA* (und worüber meiner Meinung nach noch zu wenig gesprochen wird): Versucht euren Arbeitsalltag mal an euren Zyklus anzupassen. z.B. wann bin ich am kreativsten, habe am meisten Energie für Shootings oder kann mich gut an Abrechnungen setzen.
Deine Bildsprache ist klar, reduziert und zugleich sehr präsent. Wie entsteht ein neues Projekt bei dir – beginnst du mit einer visuellen Idee, einem inhaltlichen Impuls oder ergibt sich vieles erst im fotografischen Prozess selbst?
Konzepte sind ein wichtiger Teil meiner Arbeit, den ich sehr genieße, aber man muss als Fotograf:in immer spontan und offen bleiben. Man kann nie jede Eventualität planen. Einmal wollte z.B. ich eine Outdoormöbel-Kollektion fotografieren: tolle Locations, geplant mit Sonnenschein, viel grün – doch dann fing es am Shootingtag an zu regnen. Statt das Shooting abzusagen, konnte ich den Kunden spontan davon überzeugen, die Möbel im Regen zu inszenieren – denn genau das zeichnet Outdoormöbel ja schliesslich aus! Die Regenbilder sind jetzt eine meiner Lieblingsstrecken.
Gab es nach dem Studium einen Moment, in dem du dachtest: „Okay, jetzt wird’s ernst“? Wie hat sich der Übergang vom Studium in die Selbstständigkeit / Praxis für dich angefühlt?
Nein, aber vermutlich weil ich schon während des Studiums angefangen habe, selbstständig zu arbeiten. Daher war es bei mir, wie bei den meisten meiner Mitstudierenden, eher ein fließender Übergang.
Auf deiner Website sieht man eine große Bandbreite an Projekten. Gibt es eines, das dir besonders am Herzen liegt – vielleicht, weil es ein Wendepunkt war oder dich besonders gefordert hat?
Ich muss da an ein Porträtshooting mit einer Künstlerin denken: Als sie meine Bilder sah, meinte sie, dass sie sich noch nie so authentisch auf Fotos eingefangen gefühlt hat. Sie führte das darauf zurück, dass ich sie mit dem Blick einer Frau fotografiert hatte, während sie zuvor nur vor männlichen Fotografen stand. Das war für mich eines der schönsten Komplimente und motiviert mich besonders, wenn ich als Frau in diesem Beruf auf Schwierigkeiten stoße.
Soft- und/oder Hardskills: Was hast du aus dem Studium an der HfG mitgenommen, das dir heute in deiner beruflichen Tätigkeit – vielleicht sogar im Privaten – besonders weiterhilft?
Ich habe an der HfG gelernt, „Wissen zu verlernen“. Damit meine ich, Offensichtliches oder Feststehendes neu zu hinterfragen; denn dadurch eröffnen sich oft neue Rahmenbedingungen, Möglichkeiten oder Ideen.
Wie hat dich die HfG in deiner Haltung zur Gestaltung geprägt?
Darin, Gestaltung als politische und gesellschaftliche Verantwortung zu sehen. Dass mit Gestaltung auch immer eine Haltung einher geht – there is no no design.
Wenn du heute auf deine Studienzeit zurückblickst: Was war rückblickend wichtiger als du damals dachtest?
Die Gespräche mit den Professor:innen außerhalb der Seminare, etwa bei Ausflügen. Dort haben wir privatere Einblicke in die zukünftige Arbeitswelt bekommen und erfahren, was sie antreibt oder welche Probleme es geben kann.
Was würdest du deinem Erstsemester-Ich heute sagen?
Schau dir sofort „Star Trek: The Next Generation“ an!
Gibt es etwas aus deiner HfG-Zeit, also deiner Studienzeit, was du besonders vermisst?
Alles war neu. Wir haben das erste Semester gefühlt Tag und Nacht an der HfG verbracht. Diese Energie war sehr besonders.
Und gibt es etwas, was du gar nicht vermisst?
Mein HfG Postfach mit extrem wenig Speicherplatz.
Danke für das Gespräch!
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