Christine Fischer (l.) und Amelie Poxleitner (r.) von the other archive
Im Gespräch mit the other archive aka Amelie Poxleitner und Christine Fischer.
Hallo, the other archive! Ihr seid HfG Alumni – stellt euch doch gerne kurz mal vor:
Wer seid ihr und wo findet man euch aktuell?
Wir sind Amelie und Christine und arbeiten gemeinsam als the other archive in unserem Büro im Alten Schlachthof in Karlsruhe.
Was habt ihr an der HfG studiert und was macht ihr inzwischen beruflich?
Wir haben an der HfG Kommunikations- und Produktdesign mit unterschiedlichen Schwerpunkten studiert. Die Interdisziplinarität des Studiums an der HfG fördert ein Arbeiten jenseits klarer Disziplingrenzen und damit die Fähigkeit, kreative Prozesse ganzheitlich zu entwickeln und zu lenken. Heute ist dies der zentrale Bestandteil unserer Arbeit als Kreativ Direktorinnen. Am Ende sehen wir uns weniger als das, was wir studiert haben, sondern vor allem als kreative Strateginnen.
Was hat euch zu Beginn eurer Studienzeit bewegt ein künstlerisch/praktisches Studium anzutreten?
Wir haben beide schon vor dem Studium künstlerisch gearbeitet und wollten dem jeweiligen Interesse durch ein Studium mehr Tiefe geben.
Wisst ihr noch warum ihr ausgerechnet an die HfG Karlsruhe wolltet bzw. warum ihr euch (untern anderem) an der HfG beworben habt?
Besonders fasziniert hat uns die Herangehensweise des Studiums an der HfG. Die Möglichkeit des Diplomstudiengangs ist im Designkontext sehr wertvoll. Entscheidend war für uns jedoch weniger der Abschluss als vielmehr das, was sich daraus ergibt. Ein offenes, interdisziplinäres Studium, das viel Freiheit lässt. Studierende bewegen sich zwischen den Fachbereichen und realisieren Projekte gemeinsam. Durch das Arbeiten über alle Semester hinweg entsteht zudem ein Austausch, der sich so kaum lehren lässt.
Wann kam die Idee nach dem Studium zusammenzuarbeiten?
Während wir uns beide parallel beruflich neu orientiert haben, ergab sich noch vor der eigentlichen Gründung unerwartet eine erste Anfrage. Wir haben die Chance genutzt, es einfach zu testen, und daraus ist schließlich unser gemeinsamer Weg entstanden.
Und was macht ihr als the other archive genau?
Wir entwickeln für werteorientierte Brands strategische Markenauftritte und gestalten Konzepte und Inhalte, die diese im digitalen Raum sichtbar machen. Dabei bewegen wir uns zwischen Creative Direction, Branding und Social Media.
Was hat es mit eurem Namen – the other archive – auf sich?
The other archive steht für unsere beiden inneren Archive und die Summe unserer gesammelten Eindrücke und Referenzen. In der Zusammenarbeit formt sich daraus ein gemeinsames, lebendiges Archiv, das nicht konserviert, sondern transformiert und neue gestalterische Ansätze ermöglicht.
Real Talk: Wie schwierig ist es ein eigenes Business aufzubauen?
In unserer Branche ist der Einstieg meist mit wenig finanziellem Risiko verbunden, da zunächst vor allem Zeit investiert wird. Die größere Herausforderung liegt darin, Vertrauen aufzubauen, einen eigenen Kunden:innenstamm zu entwickeln und auch für neue Aufraggeber:innen sichtbar zu werden. Diese Phase erfordert vor allem Geduld und Durchhaltevermögen.
Was ist der größte Unterschied zwischen Design studieren und Design als Business führen?
Der größte Unterschied liegt darin, dass man im Studium den eigenen Interessen frei folgen kann. Die HfG Karlsruhe schafft dafür einen besonderen Rahmen. Das Schöne ist, dass man meist ohne Kompromisse gestalten kann und am Ende vor allem sich selbst gerecht werden muss. Und das ist manchmal ehrlicherweise schwieriger, als eine Idee vor Kund:innen zu pitchen.
Was hat für euch den Standort Karlsruhe attraktiv gemacht?
Karlsruhe überzeugt durch seine geografische Lage und das große Einzugsgebiet. Dadurch ist man nicht an eine einzelne Stadt gebunden. Gleichzeitig bietet die Stadt mit Initiativen wie dem Perfekt Futur im Alten Schlachthof eine wertvolle Förderung für die Kreativwirtschaft, was insbesondere für junge kreative Unternehmen sehr wertvoll ist.
Wie entscheidet ihr, welche Projekte ihr annehmt oder ablehnt?
Bisher standen wir vor keiner Anfrage, die wir moralisch nicht vertreten konnten. Gerade zu Beginn haben wir es sehr geschätzt, an unterschiedlichsten Projekten zu arbeiten, da diese Vielfalt die Arbeit lebendig hält. Mit der Zeit schärft sich das eigene Profil, wodurch sich auch das Angebot klarer definiert und der Erfahrungsschatz wächst.
Wer euch kennt, hat bestimmt auch schon mal eine Food Installation von euch erlebt: Was
fasziniert euch an diesen essbaren Installationen?
Für uns ist diese Form des kreativen Arbeitens besonders spannend, weil jede Food-Installation von einem konkreten Thema ausgeht, das wir dann übersetzen. Diese Transformation macht einen großen Reiz aus. Gleichzeitig schafft die unmittelbare Interaktion mit dem Publikum eine Form von Resonanz, die im klassischen Designkontext selten ist und was wir als sehr bereichernd empfinden.
Food Styling Installation mit Christine Fischer (l.) und Amelie Poxleitner (r.)
Eure Perspektive als Female Founders: Seht ihr Vorteile oder besondere Herausforderungen als Female-Founded Studio?
Rein Frauen geführte Gründungsteams sind nach wie vor selten, was in diversitätsbewussten Kontexten durchaus ein Vorteil sein kann. Gleichzeitig kann es herausfordernd sein, als frauengeführtes Unternehmen den eigenen Platz zu behaupten.
Wie wichtig ist euch Sichtbarkeit und Vernetzung mit anderen Frauen in der Branche?
Die Vernetzung mit Frauen ist uns sehr wichtig. In unserem Netzwerk sind viele talentierte Frauen, mit denen wir gerne zusammenarbeiten und die wir gezielt für Projekte einbeziehen. Gleichzeitig profitieren wir auch von männlichen Netzwerkpartnern die Diversität aktiv fördern und uns Türen öffnen. Diese Erfahrungen möchten wir gerne weitergeben.
Habt ihr Vorbilder oder Designerinnen, die euch inspirieren bzw. inspiriert haben?
Keine einzelne Person steht für uns im Vordergrund, aber wir lassen uns gerne von Designer:innen und Art Direktor:innen inspirieren, die etablierte Standards dekonstruieren und unkonventionell denken ohne ausschließend zu gestalten.
Welchen Rat würdet ihr jungen Designerinnen geben, die ein eigenes Studio gründen wollen?
Wir haben uns damals mit Personen aus unserem HfG-Umfeld ausgetauscht, die schon den Weg in die Selbstständigkeit gegangen waren. So konnten wir von ihren Erfahrungen profitieren und wir würden jungen Designer:innen denselben Ratschlag geben. Manche Fehler ließen sich so umgehen. Euer Netzwerk ist ein wertvolle Ressource, also nutzt es!
Was hättet ihr gern gewusst, bevor ihr gegründet habt?
Zu Beginn war uns nicht in Gänze bewusst, wie entscheidend es ist, mit einer Person zu gründen, mit der man sich wirklich gut versteht. Wir wussten zwar, dass wir gut zusammenarbeiten können, doch im Laufe der Zeit wurde uns klar, wie wertvoll es ist, wenn man die gleichen Werte und die gleiche Arbeitsethik teilt. Man wächst unglaublich eng zusammen, fast wie eine erweiterte Familie. Wir sind beide sehr glücklich darüber, dass wir ein Team sind und unser Tipp an alle Gründer:innen lautet: Überlegt euch gut, mit wem ihr diesen Schritt gehen möchtet.
Soft- und/oder Hardskills: Was habt ihr aus dem Studium an der HfG mitgenommen, was euch heute in eurer beruflichen Tätigkeit – vielleicht sogar im Privaten – besonders weiterhilft
"Wenn sich eine Aufgabe vertraut anfühlt, ist sie wahrscheinlich schon zu klein.“ Dieser Satz wurde uns einmal von einem engen Vertrauten mit auf den Weg gegeben und er beschreibt auch die HfG sehr treffend. Hier lernt man ständig, die eigene Komfortzone zu verlassen und Neues auszuprobieren. Diese Haltung hilft uns heute sowohl in der Selbstständigkeit als auch im Privatleben.
Wie hat euch die HfG in eurer Haltung zur Gestaltung geprägt bzw. gelehrt?
An der HfG haben wir gelernt, den Status Quo grundsätzlich zu hinterfragen, out-of-the-box zu denken und Designprojekte immer mit einer fundierten Recherche anzugehen. So können Konzepte entstehen, die unkonventionell und neuartig sind.
Was vermisst ihr an der HfG-Zeit am meisten?
Die HfG ist ein außergewöhnlich privilegierter Ort, um interdisziplinäre kreative Projekte umzusetzen. Es ist unglaublich wertvoll, sich mit Expert:innen aus allen Bereichen austauschen zu können und gleichzeitig kostenlosen Zugang zu professionellem Equipment zu haben.
Danke euch für das Gespräch!
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Amelie Poxleitner und Christine Fischer von the other archive