Zhen Bian (links) und Qian Chang von Studio Ololoo
Im Gespräch mit Zhen Bian.
Hi Zhen, du bist HfG-Alumni. Stell dich doch gerne mal kurz vor: Wann hast du an der HfG Karlsruhe studiert und welches Studienfach?
Hallo, ich bin Zhen und komme aus China. Das Studio von mir und meiner Freundin Jaco Qian heißt Studio Ololoo. Bevor ich an die HfG kam, hatte ich bereits einen Bachelorabschluss in Industriedesign und bereits ein Jahr Berufserfahrung in einer Designagentur. Von 2018 bis 2023 habe ich dann Produktgestaltung an der HfG Karlsruhe studiert.
Was hat dich dazu bewogen, an unserer Hochschule zu studieren?
Ich habe mich für ein Studium an der HfG Karlsruhe bzw. für ein Studium in Deutschland entschieden, weil ich eine große Leidenschaft für Design habe und ich der Meinung war, dass ich in einer Designagentur bereits alles Wichtige gelernt hatte und an einem beruflichen Punkt angelangt war, an dem ich keine weiteren Fortschritte mehr machen konnte. Bevor ich mich an der HfG beworben habe, habe ich mir die Arbeiten auf der offiziellen Webseite der Hochschule sowie die beruflichen Hintergründe und Werke der einzelnen Professoren eingehend angesehen – und ich habe festgestellt, dass das genau das ist, was mich interessiert. Deshalb habe ich mich schließlich an der HfG beworben.
Wie bist du auf unser Studienangebot aufmerksam geworden?
Bevor ich nach Deutschland kam, habe ich ein Buch gelesen, in dem herausragende deutsche Design-Akademien vorgestellt wurden. Ich habe mich anschließend über alle in dem Buch empfohlenen Design-Akademien ausführlich informiert.
Wie war der Bewerbungsprozess als internationaler Studierender für dich?
Studierende aus China, Vietnam und der Mongolei benötigen für ein Studium in Deutschland ein APS-Zertifikat. Es dient dazu, die Echtheit der zuvor erworbenen Bildungsabschlüsse zu prüfen, und der gesamte Ablauf ist sehr aufwendig. Davon abgesehen bin ich auf keine weiteren Schwierigkeiten gestoßen: Das Bewerbungsverfahren an der HfG Karlsruhe ist sehr einfach und benutzerfreundlich gestaltet.
Bevor du an die HfG gekommen bist, hast du in China Industriedesign studiert: Was hat dich zum Wechsel hierher bewogen?
In der chinesischen Designausbildung wird das deutsche Design schon seit Langem als etwas Besonderes hingestellt. Ich wollte damals am besten Ort der Welt Design studieren – und deshalb bin ich nach Deutschland gekommen.
Wie sehr unterscheiden sich Produkt- und Industriedesign voneinander?
Im Grunde genommen gibt es keine großen Unterschiede zwischen Industriedesign und Produktdesign. Der einzige Unterschied besteht darin, dass beim Industriedesign die industrielle Massenproduktion im Vordergrund steht. Auch heute noch übernehme ich regelmäßig Aufträge im Bereich des Industriedesigns. Es gibt auch in Deutschland Hochschulen, die einen Studiengang für Industriedesign anbieten – ich habe Freunde, die dort studieren. Ihr Verständnis von Design ist jedoch weniger umfassend als unseres; sie befassen sich in der Regel nicht eingehend mit Aspekten wie Materialeigenschaften oder natürlichen Erscheinungen. Stattdessen arbeiten sie vor allem mit computergestützter Modellierung, Rendering und 3D-Druck. Im Gegensatz dazu werden wir an der HfG dazu angehalten, unsere Entwürfe selbst in den Werkstätten umzusetzen. Diese praktischen Erfahrungen in den Werkstätten haben mir sehr viel gebracht: Sie haben mir geholfen, mich eingehend mit den Eigenschaften von Werkstoffen und den entsprechenden Herstellungsverfahren vertraut zu machen. Was die Ausbildung im Bereich des Industriedesigns angeht, gibt es keine wesentlichen Unterschiede zwischen China und Deutschland. Ich bin sehr froh, dass ich mich für die HfG Karlsruhe und das Fach Produktdesign entschieden habe.
Während deiner Zeit an der HfG hast du ein Praktikum bei dem renommierten holländischen Designer Marcel Wanders zusammen. Wie kam das zustande und wie war es für dich bzw. wie sehr hat dich das Praktikum für deine weitere Entwicklung an der HfG Karlsruhe geprägt?
Das ist eine lange Geschichte. Als ich an die HfG kam, hatte ich Schwierigkeiten im Studium. Ein Professor fragte mich, welche Designer und Künstler mir gefallen. Ich antwortete: Le Corbusier. Ich kannte keine zeitgenössischen europäischen Designer und wusste nicht, woran sie arbeiten. Das war das Problem. Deshalb habe ich mir angewöhnt, regelmäßig Vorträge europäischer Designer auf YouTube anzuschauen, mir ihre Arbeiten auf ihren Webseiten anzusehen und zu analysieren, was gut an ihren Werken ist. Das hat mir sehr geholfen. In dieser Zeit wurde Marcel Wanders zu meinem Lieblingsdesigner. Als ich ein Praktikum suchte, bewarb ich mich bei seinem Studio – und ich bekam die Zusage an meinem Geburtstag. Das war das beste Geburtstagsgeschenk. Der größte Einfluss, den das Praktikum auf mich hatte, war, dass es mir geholfen hat, meine berufliche Richtung festzulegen. Ich kann sagen, dass wir an der HfG experimentelles Design lernen. Es ist interessant und es gefällt mir sehr, aber es ist nicht kompatibel mit dem Markt. Bevor ich das Studio verließ, stellte ich Marcel Wanders folgende Frage: „Experimentelles Design ist interessant, aber ich kann damit kein Geld verdienen. Bei kommerziellem Design kann ich Geld verdienen, aber es langweilt mich.“ Er antwortete mir: „Du kannst beides machen – ich mache es auch so.“ Kommerzielles Design und experimentelles Design haben gemeinsame Bereiche, aber in den meisten Fällen darf ich beides nicht vermischen. Ich bin Marcel Wanders sehr dankbar, dass er mir das gesagt hat, und ich gehe auch heute noch genau so vor.
In welchem Land und in welcher Stadt lebst und arbeitest du aktuell?
Ich komme aus Hangzhou in China, wohne aber jetzt in Ningbo. Das ist eine Hafenstadt, in der derselbe Dialekt gesprochen wird wie in Shanghai. Rund um Ningbo gibt es viele Fabriken. Früher stellten sie Produkte ausschließlich für andere Marken her, aber heute bauen sie auch eigene Marken auf. Sie können zu meinen Kunden werden.
Mit deinem Leuchtendesign „Deformation Under Pressure“ das gleichzeitig deine Diplomarbeit war, hast du mehrere Preise abgeräumt. Bspw. den 1. Platz beim SaloneSatellite Award 2024 während der Mailänder Designwoche, den Preis für das experimentellste Design bei Design Shanghai Talents 2024, den Dezeen Awards China in der Kategorie Möbel 2024: ein riesiger Erfolg! Was bedeuten dir diese Auszeichnungen rückblickend? Gab es noch weitere Auszeichnungen seither?
Preise zu gewinnen ist für mich eine Bestätigung. Sie zeigen mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Aber ich möchte mich nicht auf meinen Erfolgen ausruhen und stehen bleiben. Ich konzentriere mich lieber auf neue Projekte. Letztes Jahr habe ich den Khalil Design Award gewonnen. Ich habe gesehen, dass auch andere Studierende der HfG diesen Preis erhalten haben.Tatsächlich habe ich in Asien schon viele Preise gewonnen. Da diese Auszeichnungen aber nicht sehr international sind, mache ich nicht viel Werbung damit. In diesem Jahr werde ich auch einige internationale Preise erhalten, aber die Veranstalter haben mich gebeten, dies vorerst geheim zu halten.
Zhen Bian - Prizes 1st Price Award Salone Satellite 2024, Milan Design Week 2024
Und wie ist es dir und der Leuchte seither ergangen? Stellst du sie weiter aus und entwickelst das Leuchtendesign weiter oder haben andere Projekte gerade Priorität?
Ursprünglich wollte ich die Lampe wie andere europäische Designer selbst produzieren und vertreiben. Aber die Herstellung war sehr komplex, und nachdem ich vier Exemplare gemacht hatte, hatte ich keine Lust mehr darauf. Im Jahr 2025 habe ich das Ganze komplett ruhen lassen. Für mich ist Gestalten wichtiger als Verkaufen – meine persönlichen Projekte müssen nicht unbedingt auf den Markt kommen. Erst vor kurzem habe ich die Produktion wieder aufgenommen, nachdem mir ein Freund sagte: „Man muss seine Meisterwerke unbedingt selbst in der Hand behalten.“ Ich habe die Konstruktion überarbeitet, damit sie sich besser für die industrielle Produktion eignet. Ich möchte wie Chris Kabel und Bertjan Pot Projekte aus Interesse und mit unterschiedlichen Themen realisieren. Ich habe nicht die Absicht, ständig neue aufblasbare Lampen zu entwickeln. Momentan arbeite ich hauptsächlich an kommerziellen Projekten. Deshalb bleibt mir pro Jahr nur genug Zeit, um genau ein persönliches Projekt umzusetzen.
Wie bist du denn damals für dein Diplom überhaupt auf die Idee gekommen das Leuchtendesign zu entwickeln?
Mein damaliges Forschungsprojekt befasste sich mit weichen, aufblasbaren Materialien und der Wirkung von Druck auf sie – und welche funktionalen Objekte sich daraus entwickeln lassen. Die Lampe ist eines der Ergebnisse.
Kannst du noch etwas mehr über die Leuchte erzählen, was ist der Ansatz dahinter, das Material etc.?
Inspiriert von der Verformung weicher Materialien unter Druck befasst sich dieses Projekt mit Spannung und Deformation und verbindet diese mit der Funktion eines Produkts. Die Leuchte besteht aus recycelbarem TPU. Der aufblasbare Körper wird durch Ringe gegliedert und eingespannt. Die über dünne Drähte gespannte Struktur kann durch Reibung in jeder Position gehalten werden. Dadurch lässt sich die Höhe der Lampe einfach durch Ziehen verstellen – ganz ohne herkömmliche mechanische Systeme oder Drehgelenke. Wenn der Körper nach dem Ablassen der Luft zusammengefaltet wird, kann er leicht transportiert oder platzsparend verstaut werden.
Was fasziniert dich besonders am Thema Leuchten/Lampen?
Ich entwerfe keine Lampen. Die Leuchte ist nur das Medium, in dem mein Forschungsprojekt letztendlich zum Ausdruck kommt – sie leuchtet eben. Tatsächlich habe ich noch nicht genug Wissen über Licht und Beleuchtung und befinde mich noch darin, es zu erlernen.
Gerade warst du wieder in Mailand anlässlich der Mailänder Designwoche – wie war es, was war dein Auftrag dort? Hast du etwas ausgestellt?
Ich bin in Mailand nur, um meine neuen Projekte zu zeigen – es geht nicht um Verkauf. Wenn ich sie nicht ausstellen würde, wüsste niemand, woran ich zu Hause so arbeite, haha. Das ist für alle Designer und Designerinnen der HfG sehr wichtig. Unsere Hochschule hat so viele talentierte Gestalter und Gestalterinnen, und sie sollten zeigen, was sie machen. Wenn die Projekte gut sind, kommen die Gelegenheiten ganz von allein.
Bubble Lamp "Deformation under Pressure", Gewinner von u.a. SaloneSatellite Award 2024 während der Mailänder Designwoche, des Preis für das experimentellste Design bei Design Shanghai Talents 2024, des Dezeen Awards China in der Kategorie Möbel 2024:, Foto: Zhen Bian
Dürfen wir fragen, an was du aktuell arbeitest?
Meine Arbeit gliedert sich in drei Bereiche:
- Die Entwicklung zahlreicher Produkte für chinesische Fabriken – das ist meine Haupteinnahmequelle.
- Design von Möbeln oder Leuchten für etablierte Marken (solche Projekte gibt es normalerweise nur ein oder zwei pro Jahr).
- Persönliche Projekte, die ich aus eigenem Interesse realisiere.
Wenn du an deine Zeit an der HfG zurückdenkst, was würdest du sagen, hat dich die Hochschule gelehrt, was dir jetzt für dein Berufsleben besonders hilft?
Ich mache forschungsbasiertes Design. Das ist eine Fähigkeit, die viele kommerzielle Designer in China und sogar in Italien nicht haben – und das macht mich wettbewerbsfähig. Ich kenne mich mit Fertigungsverfahren und Materialien aus. Im Grunde funktionieren industrielle Maschinen nach den gleichen Prinzipien, die wir in der Werkstatt an der Hochschule gelernt haben. Wenn ein Kunde mir also sagt, dass eine Konstruktion nicht realisierbar ist, kann ich direkt eine passende Lösung vorschlagen. Außerdem kann ich Leiterplatten löten. Dadurch kann ich Prototypen selbst bauen, ohne auf Fabriken angewiesen zu sein.
Gab es Dozent:innen oder Kurse, die für dich besonders einflussreich waren?
An der HfG haben mich vor allem die beiden Professoren Mario Minale und Chris Kabel geprägt. Mario hat mir gezeigt, wie man interessante Phänomene im Alltag entdeckt und sie durch Forschung in Design umsetzt. Chris stellt sehr hohe Ansprüche an Innovation und hat mich immer dazu gebracht, meine Projekte weiterzuentwickeln und zu perfektionieren. Ohne die beiden hätte ich meine heutigen Erfolge nicht erreicht.
Wie hat das Studium deine beruflichen oder persönlichen Perspektiven verändert?
Bevor ich an die HfG kam, habe ich nur darauf gearbeitet, die Wünsche der Kunden zu erfüllen. Während meines Studiums an der HfG habe ich allmählich Interesse daran entwickelt, eigene Forschung zu betreiben. Heute habe ich eine große Leidenschaft für mein eigenes Projekt. Meine persönlichen Projekte gehören zu meinen Hauptschwerpunkten – wenn ich keine Zeit dafür habe, fühle ich mich nicht wohl.
Gibt es auch etwas aus der Studienzeit, was du gar nicht vermisst?
Nein
Was würdest du deinem Erstsemester-Ich an der HfG sagen oder raten?
Unsere Hochschule ist sehr frei, daher darf man keine systematisch gestalterische Grundlagenausbildung erwarten, die einen für alles rüstet. Man sollte sich daher bspw. auch außerhalb der Seminar mit Designgeschichte befassen. Das Buch "Design: Geschichte, Theorie und Praxis der Produktgestaltung" von Bernhard E. Bürdek ist sehr gut zum Beispiel und hat mir sehr geholfen. Denn neben experimentellen Projekten muss man auch in der Lage sein, kommerzielle Projekte umzusetzen. Es ist schließlich sehr schade, wenn ein guter Designer das Gestalten aufgibt, nur weil er nicht weiß, wie man damit Geld verdient.
Wenn du zukünftigen internationalen Studierenden einen Tipp geben könntest, welcher wäre das?
Wenn sie bereits eine designbezogene Ausbildung haben, rate ich ihnen, alle erlernten Fähigkeiten zunächst beiseite zu legen. Sie sollten sich selbst als Anfänger verstehen und offen das Wissen an der HfG aufnehmen. Die HfG ist für Menschen gedacht, die wirklich eine Leidenschaft für Design haben – und kein Sprungbrett, um später mehr Geld zu verdienen.
Würdest du sagen, dass dein internationales Studium Türen geöffnet hat – wenn ja, welche?
Ich kann mir gut vorstellen, dass ich heute in irgendeiner Designagentur als Creative Director arbeiten würde, wenn ich nicht an die HfG gekommen wäre. Wegen meiner Erfahrung in Deutschland habe ich jetzt eine viel tiefere Leidenschaft für das Gestalten entwickelt und mache genau das, was mir wirklich gefällt. Vielleicht liegt es daran, dass ich Ausländer bin – jedenfalls habe ich mich nicht nur auf Deutschland konzentriert, sondern den Blick auf ganz Europa und mein Heimatland China gerichtet. Das hat mir sehr dabei geholfen, mein Denken über Design und meine berufliche Laufbahn weiterzuentwickeln.
Danke für das Gespräch!
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Zhen Bian an der HfG Karlsruhe mit seiner Diplomarbeit "Deformation under Pressure"