aspect-ratio 10x9 Norina Quinte Porträt

Norina Quinte Porträt, Foto: Sebastian Heck

Hej Norina, du bist HfG-Alumna. Stell dich doch gerne kurz mal vor: Was und wann hast du an der HfG Karlsruhe studiert?

An der HfG habe ich von 2011 bis 2018 Kunstwissenschaften, Medientheorie und kuratorische Praxis studiert.

Wie bist du damals auf die HfG Karlsruhe aufmerksam geworden?

Ich lag im Krankenhaus in Berlin und war da zwei Wochen ans Bett gefesselt. Dann habe ich angefangen zu googlen, wo man noch mit Magisterabschluss studieren kann, da mir die Bachelor-Struktur meines Studiums an der FU in Berlin sehr verschult vorkam. Ich wollte eine freiere und fachübergreifende Möglichkeit. Von der Charité aus habe ich dann auch meine Bewerbung, für Karlsruhe verfasst, einen Dialog über Kunst zwischen zwei Berliner Hausfrauen.

Was hat dich an der Idee eines kunstwissenschaftlichen Studiums gereizt?

Nicht vordergründig die klassische wissenschaftliche Arbeitsweise, vor allem hatte ich Lust auf die Inhalte, die man während des Studiums bearbeitet. Ich wollte mehr zu Kunst, ihren Facetten oder auch den historischen bzw. kulturpolitischen Hintergründen kennenlernen. Und wie gesagt, der interdisziplinäre Charakter und die Möglichkeit praktische Bezüge zu entwickeln, als Ergänzung zur Theorie, das hat mich gereizt.

Deine praktische Abschlussarbeit an der HfG hatte den Titel „Life’s a Pitch“ und thematisierte das in der Businesswelt gängige Format des Unternehmens-Pitches: also quasi das Vorgehen, dass lediglich wenige Minuten ausreichen müssen, um potentielle Geldgeber von der eigenen Vision zu überzeugen. War das ein Thema, dass dich vor allem mit Blick auf die Kunst- und Kulturszene beschäftigt hat, in der du damals ja schon aktiv warst bspw. durch die Mitbegründung von „die Anstoß e.V.“ im Jahr 2014, oder was hat dich und deine Projektpartnerin Lisa Kuon damals für dieses Thema bewegt?

Wir hatten damals mit dem Verein „die Anstoß e.V.“ eine funktionierende ehrenamtliche Struktur entwickelt, die eine breite Teilhabe und nahbare Kunstformate ermöglichte. Gleichzeitig haben wir uns gefragt, wie es nach dem Studium beruflich und finanziell für unsere Branche weitergehen wird. In dieser Zeit haben wir uns intensiv mit Förderstrukturen und Unternehmensgründung (z.B. e.V. vs. GmbH) auseinandergesetzt. Das war zugegebenermaßen für uns aus der Kunstwelt kommend befremdlich. Wir wurden in diversen Formaten darum gebeten, komplexe Ideen auf „elevator-Pitches“ einzudampfen, das heißt du musst deine Idee einem Investor in einer Minute erklären können, sonst ist sie nicht förderungswürdig. Aber wie wendet man in der Kunstwelt, die auch oft von Komplexität lebt, eine Verkaufsstruktur an, die sonst eher für Turnschuhe oder Autos angewandt wird? Wie verkauft man eine neue Idee, die gewöhnliche Strukturen verändert und sich noch nicht bewiesen hat? Wir hatten damals ziemlich wilden Einblick in die Pitch-Hölle. Gleichzeitig waren das politisch turbulente Zeiten an der HfG, es gab wenig klare Linie, mehr Spekulationen darüber, was aus der Hochschule „werden soll.“ Das beides haben wir zum Anlass genommen, ein neues Hochschulkonzept zu pitchen und den Abriss- und zugleich Neuaufbau einer „Hochschule der Zukunft“ zu persiflieren. Auf www.artymaniac.com kann man übrigens noch einige frühe Arbeiten bis 2018 von Lisa Kuon und mir entdecken, die sich allesamt überspitzt mit der Verbindung zwischen Kunstwelt-, Werbestruktur und Wirtschaft auseinandersetzten.

Stichwort „die Anstoß e.V.“: der Verein ist eine unabhängige Initiative mit Sitz in Karlsruhe zur Förderung der freien Kulturszene und der Subkultur durch die Vernetzung verschiedener Interessengruppen und Disziplinen - wie schwierig war es in der Vergangenheit und ist es ganz aktuell im (sozio-)kulturellen Bereich nicht nur zu gründen, aber vor allem auch zu bestehen? Schließlich ist es auch in Karlsruhe kein Geheimnis, dass Kunst- und Kultur- sowie soziokulturelle Einrichtungen und auch Künstler*innen selbst vor allem vor finanziellen Herausforderungen stehen…

Es ist absolut nicht einfach. Das war es zwar noch nie, aber die Zeiten sind nicht rosig, das steht fest. Gelder werden gestrichen, Haushalte gekürzt usw. In Bezug auf Anstoß wurde seitens städtischer Vermieter vor kurzem auch noch der Projektraum am Kronenplatz gekündigt, ein ziemlich herber Einschnitt. Umso schöner zu sehen, dass die Strukturen des Vereins stabil genug zu sein scheinen, sodass die aktiven Mitglieder aktuell nicht etwa aufgeben, sondern weitermachen. Es ist toll, wie sich der Verein weiterentwickelt hat, auch als wir aus dem Gründungsteam weniger aktiv wurden oder aus Karlsruhe weggezogen sind, ging es weiter. Hier leistet der Verein tolle Kulturarbeit und trotzt den aktuellen Voraussetzungen. Ich selbst bin teilweise auch auf der „anderen“ Seite beruflich aktiv, und zwar bin ich z.B. Mitglied des externen Beratungsteams für die zukünftige Kulturstrategie der Stadt. Hier lerne ich wiederum die komplexen Voraussetzungen aus Verwaltungs- und Institutionsperspektive kennen. Die Kunst hat (im Gegensatz zu anderen Branchen) eine zu kleine Lobby, insbesondere wenn wir von freier Szene reden, das fällt allgemein stark auf. Hinzu kommen globale und politische Herausforderungen...

An der HfG kennt man dich vor allem auch noch als Initiatorin bzw. Entwicklerin von „Sozial & Durstig“ –Was macht dir besonders Spaß daran, multifunktionale Begegnungsräume zu schaffen?

Begegnung und Austausch sind eine Grundvoraussetzung für gute Inhalte und menschenfreundliche Innovationen. Ich bin der festen Überzeugung, dass Projekte hierdurch facettenreicher werden und konstruktive Kritik möglich wird. Das treibt mich in allen Projekten an, die ich kuratiere, leite oder anstoße. So auch bei Sozial&Durstig: Es war Corona-Zeit, viele Lehrenden waren nicht in der Stadt, viele Studis hatten in diesem Vakuum, begonnen zu studieren. Ein Gemeinschaftsort mit Cafeteria-Flair war schon lange Thema im Haus, auch als ich noch studierte. Und deshalb war es mir ein großes Anliegen, das aufzubauen, als ich im Rektorat anfing. Außerdem reizen mich Projekte erst recht, wenn jemand sagt, es wäre „nicht umsetzbar“. Dann werde ich neugierig und denke „na das wollen wir doch mal sehen“. Aber auch diese Geschichte zeigt, es braucht kontinuierlich Menschen, die solche Strukturen - trotz bürokratischer Gegenargumentation - am Leben halten.

aspect-ratio 10x9 Anstoß e.V.

Anstoß e.V., Foto: Norina Quinte

Seit 2019 bist du auch als (CO-)Gründerin von ato (www.ato.vision und agentur.ato.vision) bekannt und aktiv: Was hat dich und deine Mitgründer*innen dazu bewegt diese Agentur ins Leben zu rufen?

Alle bis dahin gesammelte Erfahrungen und auch der angesprochene fachübergreifende Dialog haben dazu beigetragen. Wir haben überlegt: was gibt es in der Kunstwelt neben Museum und Galerie, wo wir professionell arbeiten, wenn wir mit Kunst und Künstler:innen zu tun haben möchten? Wie sind die Arbeitsbedingungen? (Sowohl für Künstler:innen wie auch für Kurator:innen und Kuntvermittler:innen). Je tiefer wir uns damit auseinandergesetzt haben, desto deutlicher wurde: Der Kunstmarkt funktioniert recht intransparent und elitär, das Prinzip geht nur für wenige auf. Wie kann man also neue Zugänge schaffen, kollaborativer denken, Strukturen anders (ver-)teilen? Und wo könnte die Kunst, über den klassischen Galerie- oder Museumsraum hinaus, noch Wirkung entfalten? Diese Fragen haben uns getriggert.

Was hat es mit dem Namen „ato“ auf sich, wie kam der zustande und was steckt ggf. an Bedeutung dahinter?

ato war eines der knappesten Wörter ohne Bedeutung. „vision“ ist ledglich die Endung unserer Web-Domain und ein Hinweis auf das vermeintlich utopische im Projekt. Manchmal denken wir über andere Namen nach. Vielleicht kommt das irgendwann.

Mit wem arbeitest du bzw. arbeitet ihr bei ato zusammen?

Das Netzwerk wächst in viele Richtungen. In unserer Galerie-Struktur (www.ato.vision) arbeiten wir mit Kurator:innen und ihren Künstler:innen. Darüber hinaus vertreten wir ein großes Netzwerk an Kreativschaffenden und Personen aus ganz anderen Bereichen, darunter z.B. IT, Robotik oder Architektur und Produktdesign. Diese Personen vertreten wir innerhalb der Agentur (agentur.ato.vision). Und dann gibt es noch „CRISP“, unser kritisches Kunstmagazin, hier arbeiten wir mit freien Redakteur:innen zusammen. Es gibt auch viele Personen mit HfG-Bezug im Team, Z.B: Jannik Lang, Adam Gawel, Hannah Cooke, Stefanie Rothe, Alex Besta oder Kilian Kretschmer, Francis Karat und viele mehr.

Was braucht es, um als Künstler:in Teil von ato zu werden?

Wer von ato als Künstler:in vertreten werden möchte, kann sich bei unseren Kunstagent:innen melden und sich dann gemeinsam bewerben. Wir haben ein externes Gremium, das über die Aufnahme entscheidet. Freischaffende Kurator:innen können sich bei uns ebenfalls bewerben, um eigene Künstler:innen zu vertreten. Wer aus einem anderen Fachbereich kommt und mit uns Projekte umsetzen möchte, meldet sich einfach direkt und wir gucken, ob es passt und wo die Expertise am besten eingesetzt werden kann. Wir arbeiten manchmal auch mit Studierenden zusammen, auch hier entscheidet das Gremium über die Aufnahme.

aspect-ratio 10x9 Artini Bar von atovision im Rahmen der art Karlsruhe 2025

Artini Bar von atovision im Rahmen der art Karlsruhe 2025, Foto: ato vision

Auf dem Stephansplatz in Karlsruhe steht seit Sommer 2025 die von dir und den HfG-Alumni Jannik Lang und Hannah Cooke kuratierte interaktive Kunstinstallation „Flora Momentum“: ursprünglich war sie als temporärer Quartiersimpuls im Rahmen der City Transformation Karlsruhe gedacht, wurde in der lokalen Presse zeitweise belächelt und sogar als störend (platzraubend) empfunden. Inzwischen ist sie dauerhaft Teil des Stephanplatzes. Wie bist du bzw. wie seid ihr damals mit dem Backlash und der dann vielleicht doch sehr unerwarteten 180-Wendung bzw. Erfolgsgeschichte in der Sache umgegangen?

Das war für uns auch eine schöne Wendung. Offengestanden hatten wir mit solch karlsruhe-typischen Medienberichten schon gerechnet und waren davon ausgegangen, dass die Arbeit nach drei Monaten abgebaut wird. Aber das Ergebnis zeigt sehr gut, dass wenn sich Orte durch Kunst verschönern oder aktiviert werden, auch Parkplatzfans keine Chance haben. Der Prozess hat sich verselbstständigt, denn es haben sich wohl mehr Menschen für einen Erhalt eingesetzt (von Anwohnenden bis hin zu Bürgermeister:innen) als sich beschwert wurde. Die Wirkung der Intervention sprach für sich, der Ort wurde zum innerstädtischen Treffpunkt. Wir freuen uns alle nach wie vor sehr, wenn wir vorbeilaufen.

aspect-ratio 10x9 Flora Momentum Installation Stephanplat Karlsruher Innenstadt

Flora Momentum Installation Stephanplat Karlsruher Innenstadt

Warum braucht es deiner Meinung und Expertise nach überhaupt Kunst im öffentlichen Raum?

Sie schafft dritte Orte (neben Arbeitsort und Wohnraum), sie regt zum Denken an, sie bringt Menschen zusammen, sie sorgt im besten Fall auch auf gestalterischer Ebene für eine Verschönerung. Kunst im öffentlichen Raum sorgt dafür, dass Kultur auch von Menschen erlebbar wird, die nicht ins Museum gehen wollen oder können. Sie sorgt außerdem für Überraschungsmomente, das führt wiederum zu neuen Perspektiven.

Wie siehst du Karlsruhe als Kunst- und Kulturstadt im Vergleich zu anderen Städten? Gerade im Hinblick auf dein bereits jahrelanges Engagement und deine Arbeit in dem Bereich?

Karlsruhe hat ja schon einige Besonderheiten. Darunter natürlich die Verbindung zwischen Technologiestandort und großer Künstler:innendichte. Inhaltlich und historisch sorgt diese gegenseitige Nähe für interessante Spannungen. Auch interessant: Karlsruhe hat große Leuchttürme und gleichzeitig viele kleine Offspaces. Was ich allerdings schade finde, ist, dass sich diese Kulturvielfalt nicht wirklich im Stadtbild widerspiegelt. Es wäre toll wenn sich mehr Leben auf der Straße abspielt. Hier sind andere Städte offener, lassen mehr Freiräume zu, in denen sich Stadtgesellschaft und Kultur begegnen können. Leider hat Karlsruhe das Talent, spannende Freiflächen tot zu sanieren, statt interdisziplinär und prozesshaft zu entwickeln. Das vertreibt auf Dauer die interessanten, innovativen Akteur:innen in andere Städte oder Arbeitsfelder.

Welches Potenzial siehst du hier in Karlsruhe noch für Kunst im öffentlichen Raum?

In den letzten Jahren kamen einige sehr engagierte Personen in die Kulturverwaltung. Das tut gut und sorgt für neuen Wind. Durch dieses Engagement wurden auch seitens Stadt neue Formate wie das öffentlich-zugängliche Kunstrauschen initiiert und auch Plattformen wie „Media art is here“ intensiv belebt. Ich sehe großes Potenzial, insbesondere in dem Zusammenspiel zwischen freien Akteur:innen und städtischer Verwaltung. Wenn diese Zusammenarbeit intensiviert wird, könnte der öffentliche Raum von Karlsruhe zu einer spannenden und abwechslungsreichen Kulturlandschaft werden. Allerding ist das Wort „Potenzial“ auch trügerisch, da es zeigt, wie viel noch unbearbeitet ist ;)

aspect-ratio 10x9 Pyramide - Projekt für City of Media Arts Karlsruhe 2026

Pyramide - Projekt für City of Media Arts Karlsruhe 2026

2025 und auch dieses Jahr bist du als Kuratorin der Rheinland-Pfalz Triennale tätig, wie auch weiterhin für ato – dürfen wir fragen, an was du aktuell noch arbeitest bzw. welche Projekte in nächster Zeit anstehen, auf die wir uns freuen dürfen?

Die Kuration und Konzeption der ersten Rheinland-Pfalz Triennale war eine spannende Erfahrung, im Juni 26 endete die Projektphase. Jetzt freue ich mich aber auch wieder, etwas in Karlsruhe umzusetzen. Eine aktuelle Frage, mit der ich mich beschäftige: Was braucht eine Stadt wie Karlsruhe im Krisengebeutelten Jahr 2026 dringender als alles andere auf der ganzen Welt? Ganz klar: eine zweite Pyramide. Also werden wir, d.h. Medienkunst von VOLNA und Kollaboration mit Andreas Hölldorfer (Karlsruhe) und Studio Belwerk (Leipzig), im August, anlässlich der UNESCO City of Media Art Initiative, eine zweite Pyramide auf den Marktplatz bauen. Im Gegensatz zur originalen Stadtpyramide, wird unsere allerdings in die Zukunft blicken.

Würdest du alles in allem sagen, dass das Studium an der HfG deine Erwartungen erfüllt hat und würdest du dich ggf. jederzeit wieder für ein Studium im Bereich Kunst und Design entscheiden?

Nein, das Studium hat meine Erwartungen nicht erfüllt, denn offen gestanden hatte ich keine genaue Vorstellung. Es zog mich einfach dort hin. Und ja, insbesondere für Menschen, für die Freiheit und fachübergreifendes Arbeiten Grundbedürfnisse darstellen, ist die HfG ein wahnsinnig bereichernder Ort!

Wie hat sich eigentlich der Übergang vom Studium zur professionellen Tätigkeit als Kuratorin für dich gestaltet – was waren ggf. Herausforderungen, die du so nicht erwartet hast?

Ich habe kurz nach dem Abschluss meinen Sohn bekommen, das war wohl die größte Überraschung. Gleichzeitig war ich neugierig auf die Arbeitswelt und habe dann neben der ato Gründung die Leitung der KAMUNA (Museumsnacht) übernommen. Darauf folgte meine Tätigkeit im Rektorat der HfG und die Entwicklung des WERKstattPALAST im Rheinhafen, einem 10-wöchigen Festival in einer eigens gebauten großen Architektur. Also recht viel direkt nach dem Studium, kein langsamer Übergang in die Arbeitswelt. All diese Erfahrungen sind bis heute sehr vielfältig und jedes Mal mit neuen ganz unterschiedlichen Herausforderungen versehen. Ich schätze das Unerwartbare.

Was würdest du deinem Erstsemester-Ich aus heutiger Sicht gerne zurufen bzw. raten? Genieße, erhalte Freiräume, sei politisch, pfeife drauf wenn andere Namedropping betreiben.

DANKE für das Gespräch!

Mehr zu Norina Quinte gibt es hier Oder hier: atovison Webseite Oder hier: atovision Instagram

Diesen Beitrag Teilen auf

Weitere Meldungen