Portrait: Johannes Marmon (l.) und Johannes Müller (r.), Foto: Marian Wilhelm
Hej Johannes und Johannes! Ihr seid beide HfG Alumni – stellt euch doch gerne kurz mal vor: Wer seid ihr und wo findet man euch aktuell?
Wir sind Johannes Marmon und Johannes Müller, wir haben beide von 2000 bis 2005 / 2006 an der HfG Produktdesign studiert.
Wir sind mit unserer Firma Nyta noch in Karlsruhe und gestalten, entwickeln, produzieren und vertreiben Leuchten.
Was hat euch zu Beginn eurer Studienzeit bewegt ein künstlerisch/praktisches Studium anzutreten?
Natürlich ein persönliches Interesse an Gestaltung. Wir haben das Studium aber gar nicht vornehmlich künstlerisch/praktisch gesehen, mehr die Bandbreite im generellen Studium, auch das forschende, theoretische.
Wisst ihr noch warum ihr ausgerechnet an die HfG Karlsruhe wolltet bzw. warum ihr euch (untern anderem) an der HfG beworben habt?
Im Grunde war uns vorher beiden damals nicht ganz klar, wie frei das Studium an der HfG sein würde.
Dennoch hat uns das Bewerbungsverfahren, insbesondere die Aufnahmeprüfung, deutlich besser als an anderen Hochschulen gefallen. Wir haben das freie Studium sehr genossen und halten das nach wie vor für einen entscheidenden Wert des Studiums an der HfG: Dass man nicht an ein klares Berufsbild oder Ziel gebunden ist, und idealerweise nicht nur innerhalb der Fachbereiche sondern grundlegend auch darüber hinaus interdisziplinär studieren kann – selbstinitiiert dann eben. Wir fühlen uns der HfG auch nach wie vor sehr verbunden und hoffen, dass das ausgesprochen Freie so bleiben kann – allein der sonstige Usus und Austausch mit dem Umfeld anderer Designhochschulen, die unter anderem Bachelor und Master Studien anbieten und mit denen ja auch ein Austausch an Studierenden und Lehrpersonal geschieht droht das zu unterminieren und anzugleichen - schlicht aus Gewohnheit. Wir hoffen, dass die besondere Freiheit an der HfG auch in Zukunft wohl gehegt und entwickelt wird. Wichtig dabei natürlich, dass Studierende auch wissen, worauf sie sich einlassen – das Studium stellt ja auch auf seine Weise besondere Anforderungen.
Man kennt euch hier in Karlsruhe als (CO-)Gründer von Nyta Lighting: Wann kam die Idee zusammen ein Designstudio zu gründen?
Wir hätten uns fast eher dagegen als dafür entscheiden müssen – wir hatten schon im Studium fortlaufend miteinander gearbeitet und das eigentlich einfach weitergeführt. Anfänglich arbeiteten wir auch als klassische Designer. Nyta gründeten wir dann ein paar Jahre später. Mit Nyta stellen wir Leuchten her und vermarkten diese, sind damit also deutlich über das Design hinausgegangen.
Und was hat euch ursprünglich dazu gebracht, euch speziell mit Licht und Leuchten zu beschäftigen?
Als Produktdesignbüro zunächst lag hier kein Fokus darauf, aber Nyta hatten wir darauf ausgerichtet. Das hing mit einigen konkreten Entwürfen sowie mit unserem damaligen Umfeld mit Partnern aus der Lichtbranche zusammen und auch starkem Interesse an der Materie.
Was unterscheidet das Entwerfen von Leuchten vom Design anderer Produkte?
Leuchten benötigen immer notwendig auch die Beschäftigung mit dem Licht als Produkt, damit auch dessen Wirkung und Funktion. Ferner bringt das zusätzliche technische Notwendigkeiten mit sich. Aber einerseits ist das bei Produkten die sich mit Flüssigkeiten, Klang, oder Temperatur beschäftigen auch nicht anders, andererseits sehen wir aber auch damit die zugrundeliegenden Prinzipien des Entwerfens nicht anders als bei anderen Produkten.
Real Talk: Wie lange hat es denn gedauert euer gemeinsames „Business“ aufzubauen?
Die Gründungsphase ging sicher 1-2 Jahre. Aber im Grunde entwickeln wir Nyta bis heute weiter und passen uns mit unserem kleinen Team an innerliche und äußerliche Gegebenheiten an. Zuletzt haben wir, neben unserem Programm an Serienleuchten, vermehrt Sonderleuchten für Projekte entwickelt und produziert. Also maßgeschneiderte Leuchten und Lichtinstallationen für größere Projekte.
Was hat für euch den Standort Karlsruhe attraktiv gemacht?
Wir mögen die Stadt, sie ist uns zuweilen aber zu klein. Die Lage ist gut, aber das fällt für uns wenig ins Gewicht – wir könnten auch anderswo sein. Die Kunden und Zulieferer-Betriebe für unsere Leuchten sitzen ohnehin an anderen Orten.
Was hat es mit dem Namen auf sich – was bedeutet Nyta?
Der Name hat keine Bedeutung, wir haben damals nach einem kurzen, wohlklingenden Namen gesucht, der unbelegt ist, international funktioniert und markenrechtlich geschützt werden kann. Es gibt aber das schwedische Wort „nytta“, das „Nutzen“ oder „nützlich“ bedeutet – das gefällt uns, wussten wir aber nicht vorher.
Wie lange dauert es im Schnitt, bis eine neue Leuchte zum Leben/Leuchten erweckt wird?
Das dauert je nach Leuchte 2-3 Jahre bei uns – von der ersten Idee, über die Ausarbeitung, Herstellung von Prototypen, Markteinführung und serielle Fertigung.
Woher holt ihr euch eure Inspiration für die Entwicklung der Leuchten? Was treibt euch an?
Die holen wir uns nicht, das begleitet uns. Je tiefer man in Themen und Gedankenwelten kommt, existierende Lösungen kennt, Probleme kennt, je mehr man Möglichkeiten überblickt umso eher kommen einem Ideen schlicht im Alltag. Dieses Eintauchen in eine Materie scheint uns sehr wertvoll für Gestalter, für uns jedenfalls.
Welche Materialien verwendet ihr? Bei unseren bisherigen Leuchten findet sich viel Metall, Glas und einzelne Kunststoffelemente. Das ist aber nicht programmatisch sondern hat sich bislang so ergeben, aktuell verfolgen wir sowohl Ansätze mit Papier als auch mit Keramik bspw.. Und an Licht als Material führt bei Leuchten ja nichts vorbei.
Produziert ihr auch in Karlsruhe?
Ja, aber nur Prototypen bzw. Muster und teilweise Konfektionierung. Unsere Fertigungsbetriebe liegen über Europa verstreut, insbesondere in Norditalien und Deutschland.
Gilt ‚Form follows function‘ im (Leuchten)design wirklich noch – oder hat sich das Verhältnis inzwischen vielleicht sogar umgedreht?
Das darf ja jeder Gestalter für sich entscheiden und immer auf’s Neue. Wir legen uns hier auch nicht programmatisch fest.
Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit heute im Leuchtendesign bzw. welche Rolle spielt sie für euch bei Nyta – und wo liegen vielleicht die größten Herausforderungen?
Eine der großen Herausforderungen liegt im Verständnis und der Auslegung des Begriffs. Gern liegt der Fokus auf Materialien und Fertigung, Transport, Verpackung etc. – und mehr oder weniger gute Lösungen in diesen Bereichen dienen dann als Rechtfertigung. Die nachhaltigste Leuchte ist aber eben die, die man gar nicht erst herstellt. Lange Nutzung – nicht nur Nutzbarkeit – und Weiterverwendung geraten dabei zu oft ins Hintertreffen.
Mit welchen Disziplinen arbeitet ihr beim Entwurf einer Leuchte am engsten zusammen? (z. B. Ingenieurwesen, Lichtplanung, Architektur)
Entwürfe und Entwicklung kommen fast immer aus unserem Team. Speziell bei Sonderleuchten geben die konkreten Projekte einen Rahmen vor, hier sind Architekt:innen Innenarchitekt:innen und Lichtplaner:innen wichtige Partner.
Was macht euch am Beruf des (Produkt)Designers am meisten Spaß?
Die initiale Ideenfindung und das anfängliche Entwerfen.
Gibt es auch etwas an diesem Beruf, was ihr besonders herausfordernd findet und worauf ihr gerne verzichten würdet?
In unserem Fall ist das die Herausforderung der gleichbleibenden Qualität der Leuchten. Das ist eine laufende Anstrengung mit unseren Lieferanten.
Gewissermaßen seid ihr ja richtige Local Heroes, denn eure Leuchten hängen bspw. bei eurem direkten Nachbarn in der Sophienstraße, dem iaro coffee: Wo kann man Nyta in Karlsruhe, aber auch dem Rest der Welt denn noch hängen sehen (sofern ihr das verraten dürft)?
In Karlsruhe hängen die Leuchten an recht vielen Orten – neben iaro in weiteren Cafes, Restaurants, Büros und bei Privatkunden. Wir verkaufen unsere Leuchten neben Europa auch nach Japan, Australien, Korea, Mexiko und in die USA – dort hatten wir an einigen Orten auch spannende Projekte. Zuletzt hervorzuheben wären bspw. das Kaufhaus Grieder / Bongénie in Zürich und das Europacific Headquarter von Coca Cola in Berlin. Das Iaro ist uns aber natürlich besonders nah. Hier wechseln wir unsere Leuchten auch hin und wieder und freuen uns, dass sie dort bei gutem Kaffee schön in Szene gesetzt sind – auch für unsere eigenen Kaffeepausen.
Soft- und/oder Hardskills: Was habt ihr aus dem Studium an der HfG mitgenommen, was euch heute in eurer beruflichen Tätigkeit – vlt. sogar im Privaten – besonders weiterhilft?
Die Haltung des Projektstudiums haben wir sehr internalisiert. Im Grunde begreifen wir alles was wir tun als eine Ansammlung von Projekten. Und auch die relativierende, hinterfragende kreative, offene Haltung aus dem Studium – „wie könnte das denn noch sein?“ – prägt auch weit jenseits des Produktdesigns.
Wie hat euch die HfG in eurer Haltung zur Gestaltung geprägt bzw. gelehrt?
Inhaltlich im grundsätzlichen Hinterfragen von Gewohnheiten und Gegebenheiten und dem auch recht freien Einordnen in gegebene Strukturen und Notwendigkeiten. In der Umsetzung sicher Wesentlich im Selbst-Machen, Selbst-Angehen. Hier sehen wir auch einen entscheidenden Wert in der Struktur des Studiums wie wir es hatten und wie es, meinen wir, noch weitgehend zu sein scheint. Wir sehen im Fokus auf der Begleitung von Studierenden in Ihren eigenen Studien und Projekten mit idealerweise keinen Vorgaben oder Leitlinien, höchstens Anregungen oder Motivation, eine bemerkenswerte Besonderheit und einen Kernwert des Studiums an der HfG. Die Möglichkeiten, die sich uns an der HfG geboten hatten, hätten sich anderswo kaum so geboten, auch wenn man mit diesen Freiräumen umgehen musste. Bspw. eben auch im selbst machen, selbst angehen.
Welche Fähigkeiten sollten Designstudierende eurer Meinung nach entwickeln, wenn sie später im Licht- oder Produktdesign arbeiten möchten?
Einen breiten Blick auf unterschiedliche Felder entwickeln, verschiedenste Bereiche kennenlernen, Zusammenhänge verstehen und in viele Themen eintauchen – dadurch entsteht nicht nur ein Verständnis für diese Gebiete, sondern man erlangt auch die Möglichkeit, die eigenen Interessen und Fähigkeiten kennenzulernen und einzuordnen. Hat man herausgefunden, was einem am meisten Freude bereitet, lohnt es sich, diesen Weg weiterzuverfolgen. Zum einen hat man dann am meisten Freude und zum anderen wird man mit dieser auch besser sein als ohne sie.
DANKE für das Gespräch!
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Tilt Table, Foto: Tina Schmid